Absurd

Im Gedächtnis bleiben uns nicht die großen Reden. Nicht die Taten mächtiger Leute
rütteln uns wach. Der rationale Intellekt obsiegt nicht. Gewichtig sind die kleinen
Absurditäten, die uns versteckt begegnen, die in einem kurzen Augenblick ihr Antlitz
offenbaren, Dich in der Welt besuchen als wollten sie Dich wach küssen, aus einem
Traum, den Du niemals geträumt hast.
An diesem Tag hätte ich fast verschlafen. Ich lasse mich von meinem Handy
wecken, einem dieser neuen, flachen Geräte, die es schaffen, einen unglaublich
schrillen Ton zu produzieren, einen Ton, von dem man immer aufwacht. Wenn man
jedoch mehrere Alarmzeiten einprogrammiert, dann ist dieses Wunderwerk der
modernen Technik anscheinend überfordert. So wache ich auf, ohne dass ich
geweckt werde. Eben noch in tiefen Schlaf versunken, öffne ich plötzlich meine
Augen. Schaue auf die Uhr. Stehe wie selbstverständlich auf, nehme eine Dusche,
gehe dann ohne Frühstück aus dem Haus.
Eine merkwürdige Stimmung liegt über der Stadt. Es ist Mitte Dezember. Doch die
Leute müssen sich noch nicht in Wintermäntel und Schals kleiden, haben noch nicht
wieder ihre pinken Ohrenschützer und die weißen Moonboots aus dem Keller geholt.
Es ist mild und fast schon beunruhigend warm für einen Dezembertag.
Ich freue mich, in der Firma anzukommen. Ich habe hier so viele Stunden verbracht,
so viele Stunden. Stunden voller Freude, wenn das Team funktioniert wie ein
Uhrwerk und trotz der knappen Besetzung den Agenturen die fertigen Jobs nur so
um die Ohren schlägt. Viele Stunden voller Frust, wenn der Kunde um halb sechs
noch einen verlorengegangenen Job unter dem Kopierer findet und ihn bis zum
nächsten Morgen bearbeitet haben möchte. Hier verbringe ich meine Zeit als
Springer für sämtlich überraschend anfallende Jobs. Die Zeit heilt alle Wunden, vor
allem aber verbindet sie die Menschen. Die Kollegen sind mir vertraut.
Um die Mittagszeit beginnt es zu regnen. Dezemberregen, der die Stadt in seine
grauen Ketten legt und mit Blitzen wie Peitschenhieben seine Missgunst ausdrückt
und zur Eile antreibt. Gleich muss ich zur Universität zum Statistik-Seminar. Ich muss
mich zwingen. Sonst werde ich den Anschluss endgültig verlieren. In den
angestaubten, alt-ehrwürdigen Hallen der Lehranstalt bin ich nicht oft anzutreffen.
Ich habe Hunger und es ist Freitag. Der Tag der Fischsuppe. Doch ein scheinbar
undurchdringlicher Regenteppich hält den Weg besetzt zwischen meinem Büro und
Porno-Peters Suppenküche. Ich habe keinen Schirm. Ich frage meine Kollegen.
Frauen sind ja dafür bekannt, dass sie auf dem Boden ihrer Handtasche sogar
nützliche Dinge mit sich herumzutragen pflegen. Eine liebe Kollegin überlässt mir
leihweise ihren Schirm. Bedenklich biegen sich die Metallstreben im Wind, sobald ich
vor die Tür trete. Der Schirm ist zu kurz für mich. Ich muss meine Hand auf
Schulterhöhe halten, um mich unter dem mit dünnen, rosa- und helllilafarbenen
Streifen verzierten Kunststoff vor dem nassen Wind zu schützen. Fremde Leute
schauen mich belustigt an.
Ich trete in den Laden ein. Gelbes Licht strahlt Freundlichkeit aus, Porno-Peter sitzt
in seinem Laden und liest Zeitung. Alte Blechschilder und Vitrinen, gefüllt mit
wunderlichen Gegenständen aus aller Herren Länder füllen den Laden. Ein hübsches
Mädchen sitzt an einem Tisch und löffelt ihre Suppe.
„Wo hast Du den Schirm denn her?“ fragt mich Porno-Peter verwundert, und zieht
seine Augenbrauen ein kaum merkliches Stück nach oben.
„Den musste ich mir leihen, von einer Freundin. Ich wollte essen gehen, aber bitte –
es regnet in Strömen.“
Ich fühle wie der Blick der Schönen mich streift, ich spüre Sympathie in dem Blick
liegen. Liegt es an der heiteren Stimmung, die mich meist erfasst, wenn ich zur
Arbeit gehe?
„Fischsuppe?“
„Natürlich Fischsuppe.“
„Kürbisbrötchen?“
Porno-Peter backt jeden Morgen Brötchen, die er durch mehrmaliges Wälzen in einer
Schüssel knuspriger Kürbiskerne mit einer Unzahl derselben bedeckt.
„Nein danke, heute nicht.“
Er packt die Suppe in eine verschließbare Schale aus weißem Styropor, legt diese
vorsichtig in eine ebenso weiße, unbedruckte Plastiktüte und reicht mir die Henkel.
Ich bezahle. Und dann passiert es.
„Nimm Dir `nen Lolli.“
Er hat es tatsächlich gesagt. Ich bin ein Hüne von 196 Zentimetern. Das letzte Mal,
als mich jemand aufforderte einen Lolli zu nehmen ist solange her. Ich habe keinerlei
bewusste Erinnerung daran. Ich zögere einen Moment, werde überrollt von einer
kurzen Welle der Absurdität, sie ergreift Besitz von mir, ich weiß nicht wie ich
ausgesehen habe in dem Moment. Stand mein Mund offen? Haben sich meine
Augen vor Erstaunen geweitet? Dann fange ich mich wieder und steige darauf ein.
„Darf ich zwei?“ frage ich mit aller kindlichen Unschuld, die mir möglich ist. „Ich will
einen mitnehmen für meine Freundin, die mir den Schirm geliehen hat.“
Ich spüre richtiggehend körperlich, wie nun auch ihn diese Welle überrennt. Ich kann
es an seinen Augen sehen.
Ich kenne Porno-Peter, und schiebe deswegen noch eine Frage hinterher:
„Sag mal, ich kann doch noch Auto fahren, nachdem ich so einen Lolli gelutscht
habe?“
Porno-Peters verlebtes Gesicht mit den struppigen grauen Haaren wendet sich mir
nun ganz zu. Seine Mundwinkel beginnen nach den Seiten zu zucken, es wirkt
ansteckend, nur Sekunden später überkommt uns beide ein derartiger Lachanfall,
dass selbst nach Minuten der schallende Klang des Frohsinns durch Porno-Peters
engen Laden hallt.
Die junge Schönheit hat längst mit eingestimmt. Sie weiß nicht genau warum, aber
ihr tropfen kleine Tränen des Glücks die Wangen hinunter, ziehen ihre sorgsam
dezent aufgetragene Schminke in dünnen Linien nach unten, während sie herzlich
und mit blitzenden grünen Augen lacht. Sie sieht unglaublich süß aus. Ich setze mich
zu ihr, nehme vorsichtig meine Fischsuppe aus der Tüte und stelle sie auf den Tisch.
Dann schaue ich auf, unsere Augen treffen sich, wir verlieren uns für einen kurzen
Augenblick in den Tiefen unserer Wesen. Sie beugt sich leicht nach vorne, nur
angedeutet ist die Bewegung, doch wie einstudiert komme ich ihr entgegen, unsere
Lippen berühren sich, nicht stürmisch und leidenschaftlich, sondern langsam und
vertraut geben wir uns einen langen, zärtlichen Kuss.
Ich esse meine Fischsuppe.

Mitte Dezember ist die Zeit, in der die Einwohner dieser Stadt lieber zu Hause im
Warmen bleiben. Draußen in der Hektik der Strassen verliert sie sich oft in den
Träumen ihrer Sehnsüchte. Weg vom Ladentisch in dem sie sich ihr Studium
finanziert. Der Laden für orientalische und doch szenetypische
Einrichtungsgegenstände in der Ottenser Hauptstrasse. Früher, in einer anderen
Zeit, träumte sie davon mit Mark, diesem starken und doch so einfühlsamen Typ in
ferne Länder zu reisen und dort die kleinen Freuden der Basare einzukaufen und hier
mit einem Gewinn an die yuppiejesken Neureichen zu verscherbeln. Mittlerweile ist
Mark aus ihrem Leben verschwunden und das letzte Mal, dass sie etwas von ihm
hörte, war, dass sie noch immer einen Blumentopf in seiner Wohnung stehen habe.
Sie verliert sich in den Erinnerungen an blassblaue Meere, aufregende heiße
Gerüche und geborgene Nächte im Kerzenschein bei sich langsam abkühlendem
Sand. Der einsetzende Regen hämmert an die Fenster und raubt ihr den Rest der
guten, melancholischen Laune. Sie stürmt nach draußen und versucht die bunten
Kissen aus der Nässe zu retten. Die Strasse leert sich urplötzlich. Ihr fällt auf, dass
es schon Mittagszeit ist und sie Hunger verspürt. Sie schließt den Laden zu und flieht
zu Peter. Peter kennt sich lange und gemeinsam beklagen sie sich ab und zu über
fehlende Kunden und das veränderte Leben in dieser Stadt. Er brüht ihr erstmal
einen Tee. Da betritt ein völlig durchnässter Typ den Raum. Sie muss ein wenig
schmunzeln. Er ist riesengroß und doch hat er etwas Niedliches an sich. Nachdem
sie ihn etwas gemustert hat geht ihr auf, dass der zerfetzte Schirm nicht nur völlig
unproportional zu seiner Größe ist, sie erkennt darin auch einen Mädchenschirm.
Pinke und lila Steifen bilden einen auffälligen Kontrast zu seinem weinroten Hemd.
Ob er ihn wohl vorausschauend von seiner Schwester geklaut hat? Sie kann zwar
seine Stimme nicht hören, doch sieht sie, dass er es wohl eilig hat. Wahrscheinlich
hat er zehn Minuten Mittagspause und holt seine Suppe ab. Ohne Chance auf den
Genuss, der in der Suppe enthaltenen köstlichen Ingredienzien, wird er dann vor
einem Bildschirm die Suppe verschlingen, während er in Gedanken schon längst bei
den nächsten Arbeitsschritten ist.
Plötzlich brechen die beiden in Gelächter aus. Zucken um die Augen verrät
Wohlgefallen und Entspanntheit. Wärme durchflutet den Raum. Sie blickt die beiden
an und als ihr Blick auf den lächerlichen Schirm fällt, fängt auch sie an zu lachen. Der
Tag scheint auf für sie einige Absurditäten bereit zu halten. Ihre Gedanken rasen und
die Synapsen verknüpfen das Geschehen zu einer Monty-Python-Sequenz. Der Typ
setzt sich zu ihr und schaut ihr tief in die Augen. Ohne Vorwarnung: Horizonte, tiefes
Einvernehmen. Sie blickt in ihre eigene Welt und erkennt all ihre Wünsche wieder. In
Millisekunden scheint er ihr ganzes Leben aufzusaugen. Gemächlich, fasst wie ein
Automatismus nähern sich ihre Lippen und langsam, fast zaghaft, mit allem Respekt
des Universums, berühren sich ihre Welten. In ihrem Kuss begegnen sich ihre
beiden Sehnsüchte.
Sie nippt an ihrem Tee.
Die bedeutungsschweren Erzählungen bleiben uns nicht im Gedächtnis. Die visuelle
Überflutung lässt uns nicht aufhorchen und innehalten. Gewichtig sind die kleinen
Absurditäten, die Dich in der Welt besuchen als wollten sie Dich wach küssen, aus
einem Traum, den Du niemals geträumt hast.

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