Haruki Murakami – Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt

Die Werke von Murakami zu lesen kommt zumeist einer Reise gleich, bei deren Start man das Ziel nicht kennt. Auch wenn man ständig aus dem Fenster blickt, erkennt man die Gegend nicht wieder, und doch kommt sie einem vertraut vor. Erinnerungsfetzen verdichten sich zu Eindrücken und schließlich zu einer Melodie, auf deren Schwingen man getragen wird. Dieser wunderbare Autor vermag den Leser innerhalb weniger Seiten ganz und gar in Beschlag zu nehmen.
So auch in diesem Buch, das mit dem Auftrag des Kalkulators beginnt. Ein Kalkulator hat die Aufgabe, durch Chiffrierung Daten vor dem Zugriff der Semioten zu bewahren, deren Organisation als „Fabrik“ bezeichnet wird. Kalkulatoren bekommen ihre Aufträge durch das „System“.
Die Fabrik ersinnt immer neue und ausgefeiltere Methoden, um die Verschlüsselungen des Systems zu überwinden, beide Organisationen befinden sich im permanenten Wettstreit um Methoden und Menschen.
Den Protagonisten zeichnet etwas aus: Er ist der einzig überlebende eines Programms, das ausgewählte Kalkulatoren durch einen operativen Eingriff in das Gehirn zu einer speziellen Verschlüsselungstechnik befähigen soll – das Shuffling. Hierzu wird ein weiterer Psychokern im Hirn des Probanten untergebracht, dessen Aktivierung aber bald von einem großen Nachteil begleitet wird: Eine zweite Realität, erschaffen und existent allein im Geiste des Einen, beginnt sich zu entfalten und überhand zu nehmen.
Das Werk teilt sich demnach sofort in zwei Handlungsstränge: In der einen Realität versucht der verantwortliche Professor mit Hilfe seiner attraktiv dicken und stets rosa gewandeten Enkelin, das abdriften unseres Helden in die zweite Realität zu verhindern.
Das eigentlich bemerkenswerte an diesem Werk ist die detail- und bildreiche Schilderung der erwähnten zweiten Realität. Diese konstituiert sich durch eine Stadt, von einer lebendigen Mauer umschlossen, an deren Eingang ein Jeder seinen Schatten abgeben muss. Der Schatten repräsentiert dabei die Seele, die in der Stadt nicht geführt werden darf.
Neben den Menschen leben Einhörner in der Stadt. Ein Wächter ist dafür verantwortlich, sie morgens aus dem Tor hinaus und abends hinein zu lassen. Im Winter verbrennt er die Nachts erfrorenen Tiere auf einem Scheiterhaufen.
Dem Protagonsiten wird nach seiner Ankunft sofort ein verantwortungsvoller Posten übertragen: Er wird zum Traumleser. Diese Aufgabe kann nur von Neuankömmlingen erfüllt werden, dessen Seele noch nicht durch die Trennung vom Träger verendet ist.
So trifft er die Bibliothekarin, die einzige Person die offenbar auch in der ersten Realität existiert, und liest Träume, indem er die in den Schädeln verbrannter Einhörner verbliebenen Erinnerungen extrahiert.
Unterdessen schmiedet er mit seinem Schatten Fluchtpläne. Die Rettung seiner Seele wird zum Anliegen, auch wenn er sich immer besser in der Stadt einfindet und die Abstinenz von Gewalt und Hass ihn mit Befriedigung erfüllt.
Murakami entwickelt das verstörende Szenario meisterhaft und überzeugend. Doch wer Antworten auf Bedeutung und Kontext der zahlreichen Details der zweiten Realität hofft, der wird enttäuscht. Nur Rätsel bleiben am Ende übrig:
Welche Bedeutung hat das Kraftwerk im Wald, das die Stadt mit Energie speist? Welche metaphorische Bedeutung haben die Einhörner? Repräsentieren die anderen Bewohner der Stadt Personen aus der Erinnerung? Wer sind die Waldbewohner, die sich nicht von ihrer Seele trennen konnten und denen daher der Zugang zur Stadt verwehrt bleibt? Haben auch andere Personen Zugang zur neuen Realität des Kalkulators?

Wie anderen Werken des Autors auch wohnt dem Roman ein gewisser Zauber inne. Mit jeder Seite tun sich neue Rätsel auf, mit der Entwicklung der zweiten Welt tut sich diese in einer greifbaren Deutlichkeit auf und wird stetig präsenter.
Noch Tage nach der Lektüre ertappt man sich selbst bei der Spekulation über einzelne Passagen und der Hinterfragung von Bedeutungen.

Mir hat sich eine Erkenntnis eingeprägt: Schon die erste Realität ist derart beschrieben, dass man den Eindruck erlangen muss, auch diese Realität sei nicht war sondern Einbildung. Warum sollte sie realer als die zweite Realität sein?
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Professor ein zweites Experiment durchgeführt hat, einen zweiten Psychokern implantiert hat und die Alternierung bereits zwischen zwei virtuellen Realitäten stattfindet.

Und nun blicke ich auf, und der Schädel im Regal, dem ich schon seit Jahren keine Beachtung mehr schenke, beginnt zu leuchten.

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