Der Regenwald stirbt. Jetzt handeln!

Der Schutz des Regenwaldes ist gesellschaftlich gewollt. Doch wie kann Europa dieses Ziel glaubhaft vertreten, wenn kein europäischer Großwald existiert? Ein Plädoyer für die europäische Verantwortung und Vorbildfunktion im Kampf für die Rettung des Regenwaldes.

Der Regenwald stirbt!
Dieser vielfach ausgesprochene Satz entspricht zweifelsohne der Wahrheit. In atemberaubender Geschwindigkeit werden die urtümlich bewaldeten Flächen rund um den Amazonas und andernorts gerodet. Geduldet von der Zentralregierung schlagen gut vernetzte Unternehmer Breschen in den vormals undurchdringlichen Busch, entwalden riesige Flächen mit schwerem Gerät und verkaufen die so erschlossenen Nutzflächen an den Meistbietenden. Laut Spiegel Online wird sogar mit dem Entlaubungsmittel ‚Agent Orange’ vorgegangen – vom Flugzeug aus versprüht, um das Dickicht schneller urbar zu machen (vgl. Spiegel Online 2011).[1]
Wenige Schutzgebiete, unzureichend bewahrt vor Holz- und Tierwilderern durch kleinste Aufseher-Teams, deren Umgang mit stets knappen Mittels jedem Wirtschaftswissenschaftler zur Ehre gereichen würde, werden in Bälde die einzigen Refugien sein, in denen wertvolle und bislang unbekannte Heilpflanzen bewahrt werden, vom Aussterben bedrohte Tierarten existieren. Ureinwohner wird es nicht mehr geben, denn Kleinstreservate bieten nicht mehr die dafür nötigen Voraussetzungen. Ein Ureinwohner ist kein Ureinwohner mehr, wenn er bei Streifzügen innerhalb eines Tages entweder am Zaun endet, oder plötzlich auf einer Sojafarm steht, die sich der Deckung des Bedarfs an billigem Futtermittel für Geflügel-Mastfarmen oder europäischen Biosprit-Beimischungen widmet. Er ist auch kein Ureinwohner mehr, wenn er laufend von Sozialforschern, Missionaren und Anthropologen besucht und überwacht wird. Aus dieser Sichtweise ist der Ureinwohner bereits heute nur noch ein romantisches Fantasieprodukt.

Gemeinhin muss die Frage erlaubt sein, ob nicht derartige Eingriffe in den Lebensraum von Mensch und Tier immer mit einer Verfälschung der Beobachtung einhergehen. Wie viel Natürlichkeit bleibt einer Schildkröte, wenn auf ihrem Rückenpanzer eine schuhkartongroße Antenne installiert ist, die ihren CW-Wert auf das Niveau eines LKWs ansteigen lässt? Wie viel Natürlichkeit bleibt einem Bergpuma, wenn er zu wissenschaftlichen Zwecken einmal jährlich in Vollnarkose versetzt wird um allerlei Tests durchzuführen und Blutproben zu entnehmen?

Das Sterben des Regenwaldes hat jedoch viel früher begonnen. Aus erdgeschichtlicher Sicht leben wir weder in der Postmoderne noch im digitalen Zeitalter – sondern im Holozän. Dieses Zeitalter begann etwa 10000 vor Christus. Das nördliche Europa wurde langsam von den Eisgletschern freigegeben, im übrigen Europa dominierte – der Urwald. Der gemeine Europäer begann, sich den Wald zu Nutze zu machen. Er fällte Bäume zur Gewinnung von Brennholz und zur Errichtung von Langhäusern. Mittel zum Transport der riesigen Eichenstämme existierten nicht – das Holz musste an Ort und Stelle zum Objekt der Begierde weiterverarbeitet werden (vgl. Urmersbach 2009, S. 14 ff.).[2] Mit der Weiterentwicklung der Werkzeuge und der Domestizierung von Nutztieren steigerte sich die Effizienz dieser Rodung stetig, das gewonnene Land wurde zunehmend als Weidefläche produktiv genutzt. So haben unsere Urahnen den Grundstein unserer bequemen Existenz gelegt. Der frühe Europäer war ein Waldvernichter sondergleichen und schuf durch die wenig nachhaltige Verwertung von Holz gleichwohl die Grundlagen für Fortschritt und Entwicklung. Gänzlich verzichtete er gar auf die Wiederaufforstung.

Das Ergebnis ist ein entwaldetes Europa. Sicher, hie und dort werden Waldgebiete gepflegt, die ganzen Regionen namensgebend Pate stehen und Hund wie Herrchen als Naherholungsgebiet wertvollen Dienst leisten. Von einem Urwald, wie er vor wenigen Tausend Jahren weite Teile des eurasischen Kontinents bedeckte, kann jedoch nur noch in wenigen, entlegenen Gebieten, selbst von gebildeten Europäern als rückständig oder bestenfalls als Region mit Entwicklungspotenzial gekennzeichneten Schwellenländern, gesprochen werden.

Nun sind wir bei des Pudels Kern angelangt. Mit welchem Recht sprechen wir Schwellenländern mit Entwicklungspotenzial eben Selbiges zur Abholzung ihrer Wälder ab, wenn wir von den Früchten unserer Eigenen Abholzung täglich tausendfach zehren? Welcher Logik entstammt unsere Ansicht, einige der wirtschaftlich ärmsten Länder der Welt seien zum Erhalt ihrer nicht nutzbaren Waldflächen verpflichtet, wenn wir einen heimischen Mischwald nur noch nach Klaftern oder in neueren Zeiten nach Kubikmetern Holz bewerten, die diesem jährlich entnommen werden kann? Die Angst vor der Entwicklung anderer Kulturkreise prägt vor diesem Hintergrund ungewollt unser Gedankengut. Aus der eigenen Geschichte wissen wir, dass die Kultivierung von Waldgebieten unverzichtbarer Bestandteil der kulturellen Genese ist, derer wir uns so gerne rühmen. Wir haben keinerlei Recht, anderen Nationen etwas zu verbieten, dessen Durchführung uns schon in grauer Vorzeit selbstverständlich war. Vielmehr ist die Abholzung der Regenwälder etwas, das schon vor sehr langer Zeit hätte geschehen müssen, wenn wir die westliche Kultur als Maßstab für gesellschaftlichen Wohlstand und Fortschritt ansetzen.

Aus diesem Dilemma kann nur ein Ausweg heilbringend sein: Um unser Recht auf den Schutz des Regenwaldes glaubhaft zu vertreten, muss ein neuer eurasischer Urwald her. Denn nur, wer den Urwald schürzt, kann den Urwald schützen.
Kernproblem dieser Forderung ist mit offensichtlicher Deutlichkeit der Standort. Man stelle sich die Kommission vor, die über die Platzierung eines ausgedehnten Waldgebietes von der doppelten Größe Frankreichs auf europäischem Boden zu entscheiden hat. Das Ruhrgebiet beispielsweise wäre vermutlich eine eher konfliktträchtige Wahl. Ebenso sämtliche innereuropäische Hauptstädte. Deutschlands Beitrag zu dieser Fläche könnte nach Abwägung aller Einflussfaktoren und Auswahlkriterien wohl nur das östliche Randgbiet sein. Mit dem europäischen Rettungsschirm für Griechenland trägt die Bundesrepublik auch bereits genug Verantwortung auf ihren breiten Schultern. Keinesfalls ist es vorstellbar, die bundesdeutsche Hauptstadt dem Neuwald zu opfern. Somit ergeben sich als deutsche Außengrenze des Waldes die Berliner Randbezirke. Der Logik folgend, dass Hauptstädte bewahrt werden müssen, um eine international akzeptierte Einigung in der Waldfrage zu erzielen, ist die erste östliche Grenze des Waldes ebenso eindeutig zu ermitteln: Über Warschau hinaus wird die Bewaldungskomission mit ihren Plänen nicht durchdringen. Südlich von Berlin atoßen wir hingegen auf die urbanen Zentren Prag, Bratislawa und das südöstliche Budapest, deren Eingemeindungen in den neuen europäischen Großwald ebenfalls von nicht unerheblichen Protesten und Entschädigungszahlungen begleitet werden dürfte. In direkter Linie zum schwarzen Meer liegt dann Bukarest – daran vorbei zieht sich der Neuwald wohl bis zur Küste. Der Name Schwarzwald käme für den Großwald daher in Betracht. Diese Bezeichnung dürfte allerdings durch diverse Patente und Herkunftsbezeichnungen derart überschützt sein, dass nur das Ausweichen auf einen weniger prominenten Namen einen Ausweg aus der ersten Namensgebungskrise offeriert. Moldawien wird verzeihen, dass seine komplette Einwaldung zum glaubhaften Schutz der Regenwälder unerlässlich ist. Östlichste Grenze des Waldes wird somit Kiew. Die Form des Waldes wird nun deutlich und kann mithin nur als gelungen bezeichnet werden: Von Berlin aus ergießt sich in Richtung Ostsüdost die grüne Pracht weitläufig in baltische Gefilde. Anders herum betrachtet weist ein demagogischer Pfeil in aller Deutlichkeit auf die Stadt Hamburg, in der gleichzeitig der Autor dieses Artikels ansässig ist und in diesem Jahr mitunter feierlich den propagandistischen Coup der Ausrufung Hamburgs zur Umwelthauptstadt Europas des Jahres 2011 begeht.
Hamburg, Tor zur Welt und Heimathafen aller Kreuzfahrtschiffe dieser Welt, von denen jedes soviel Kohlendioxid ausstößt wie 7000 Autos (vgl. von Poser 2007).[3]
Lasst uns das Ziel des europäischen Urwaldes mit Mut und Kraft verfolgen und somit der Zerstörung der Regenwälder endlich wirksam Einhalt gebieten!

Waldgebiet des neuen eurasischen Großwaldes

Waldgebiet des neuen eurasischen Großwaldes

  1. [1] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,774174,00.html
  2. [2] Urmersbach, Viktoria (2009): Im Wald, da sind die Räuber: eine Kulturgeschichte des Waldes, Verlag; Alexander Schug
  3. [3] Von Poser, Fabian (2007): Focus Online, http://www.focus.de/reisen/kreuzfahrt/tid-6877/kreuzfahrtschiffe_aid_66989.html
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